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Radfahren in Bristol wird auf demokratischem Weg sicherer (Großbritannien)

Von Jan-Willem Van ... / Aktualisiert: 28 Jan 2015

Bristol ist die „Fahrradstadt“ Englands. Sie ist aber auch eine schnell wachsende und dicht besiedelte Stadt, in der noch immer Tausende von Stadtfahrten mit dem Auto zurückgelegt werden. Um ihre Umweltbilanz zu verbessern und Kohlendioxidemissionen zu senken, setzt Bristol Hebel in Bewegung, um diesen Trend umzukehren.

Der öffentliche Nahverkehr wird ausgebaut und Radfahren soll für die Bürger noch sicherer, beliebter und leichter zugänglich werden. Zu diesem Zweck setzte der Stadtrat eine Kommission ein, die zusammen mit den öffentlichen und anderen Stakeholdern der Frage nachging, wie Radfahren für die Bürger sicherer werden kann.

Context 

Bristol befindet sich im Südwesten Englands und hat 432 000 Einwohner. Die Stadt ist ein bedeutendes Zentrum für Beschäftigung, Einzelhandel, Kultur und Hochschulbildung. Neben zahlreichen historischen Bereichen befindet sich in der Stadt ein Museum für die Geschichte der Schifffahrtsindustrie. Etwa 57 000 Einwohner der Stadt pendeln täglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad  – so viel wie in keiner anderen lokalen Gebietskörperschaft in England und Wales.

Im Jahr 2008 wurden Bristol und die Grafschaft Gloucestershire von Cycling England, einer Regierungsbehörde, mit dem Cycling City Award (Preis für die fahrradfreundlichste Stadt) ausgezeichnet. Obwohl die anschließende Finanzierung durch die Zentralregierung in Höhe von 22,8 Mio. GBP im März 2011 endete, bewarben sich die Behörden von Westengland mit Erfolg um einen Fonds über 24 Mio. GBP zur Förderung des nachhaltigen Verkehrs, der 2 Mio. GBP für Radfahrer und Fußgänger vorsieht.

Der Westen Englands verfügt jetzt über einen langfristigen Verkehrsplan (Joint Local Transport Plan), der die Verkehrssituation in der Region verbessern soll. Dieser Plan beinhaltet die Verkehrsstrategie für Bristol, mit der Vorgabe, die Anzahl der Radfahrer von 2008 bis 2016 um 76 Prozent zu erhöhen.

In action 

Zum Erreichen dieses ehrgeizigen Ziels richtete Bristol im September 2012 eine Kommission ein, um eine öffentliche Untersuchung bei 32 Schlüsselteilnehmern durchzuführen. Dazu gehören Vertreter von Gemeindeorganisationen, Mitglieder des Stadtrats und weitere Fachleute, die über Forschungsergebnisse diskutieren und einige praktische Lösungen entwickeln, die die Kommission in Betracht ziehen und als Empfehlungen übernehmen könnte.

Die Hauptziele der Untersuchung lagen darin,

  • den aktuellen Stand der Forschung zur Sicherheit beim Radfahren zu bewerten;
  • den Ursachen für die Sicherheitsbedenken der Radfahrer auf den Grund zu gehen;
  • die Ursachen für die negativen Wahrnehmungen zur Sicherheit des Radfahrens zu identifizieren, die manche Radfahrer abschrecken (unter anderem der Einfluss von Social Marketing);
  • sich an bewährten Verfahrensweisen in anderen Teilen der Welt zu orientieren;
  • alle Maßnahmen der Verkehrsplanung und -politik in Bezug auf die Sicherheit des Radfahrens zu bewerten;
  • soweit nötig, Empfehlungen abzugeben, die bei der Entwicklung einer Fahrradstrategie durch den Stadtrat berücksichtigt werden können.

Es handelte sich um eine öffentliche Untersuchung, um allen die Teilnahme zu ermöglichen. Für die Tagung setzte Bristol einen unabhängigen Vorsitzenden ein, da besonderer Wert darauf gelegt wurde, die komplexen Themen auf ausgewogene Weise zu behandeln.

Während des Treffens gingen bei der Kommission vier öffentliche Stellungnahmen von Personen und Organisationen ein, unter anderem vom Sonderuntersuchungsausschuss Jugend und dem Forum für Behindertengleichstellung. Nach jedem Beitrag wurde die einzelnen Themen in Frage- und Antwortrunden näher untersucht und in Rundtischgesprächen wurden Schwerpunktthemen erarbeitet.

Darüber hinaus produzierte die Kommission einen Kurzfilm, in dem eine Reihe von Schlüsselgruppen in der Stadt befragt wurden, von denen angenommen werden kann, dass sie aufs Radfahren umsteigen würden, darunter junge Menschen, Frauen, Menschen dunkler Hautfarbe, Angehörige ethnischer Minderheitsgruppen und ältere Menschen. Der Film wurde während der Tagung vorgeführt.

Results 

Nach Berücksichtigung aller zur Untersuchung vorgelegten Ergebnisse identifizierte die Kommission vier Schlüsselthemen. Diese Themen werden nachfolgend jeweils mit einigen ausgewählten Elementen dargestellt.

Vision und Führungsrolle

  • Der Bürgermeister muss an der Spitze der Fahrradkampagne stehen, um sicherzustellen, dass die Ziele des Stadtrats erfüllt werden und dazu beigetragen wird, Radfahren in der Öffentlichkeit als „cooles“ Verkehrsmittel zu fördern.
  • Sicherheitsbedenken führen dazu, dass sich nur wenige den widrigen Verkehrsbedingungen stellen. Geschwindigkeitsbeschränkungen und Umwandlung von Straßenflächen würden potenzielle Radfahrer von Ängsten befreien.
  • Klare Prioritäten für Stadträte und andere Bedienstete und Partner sind festzulegen, um die multidisziplinäre Arbeit zu ermöglichen.

Image und Identität

  • Radfahren muss für alle Altersgruppen ein geeignetes Verkehrsmittel darstellen.
  • Manche mögen es nicht, „Radfahrer“ genannt zu werden; sie ziehen die Bezeichnung „multimodale Verkehrsteilnehmer“ vor. Social Marketing kann dazu beitragen, dass dieses abgrenzende Denken überwunden wird.
  • Die Fahrradpolitik muss sich auf benachteiligte Gruppen konzentrieren, weil dadurch der Zugang zu Arbeitsplätzen verbessert werden kann.
  • Die Medien spielen eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung einer positiven Funktion des Radfahrens.

Vision des Verkehrsministeriums

  • Ein umspannendes Radwegenetz auf ruhigeren Straßen ist notwendig.
  • Der Stadtrat sollte verschiedene Ansätze ausprobieren und mehr experimentieren, unter anderem durch Vorschriften für die Verkehrssteuerung.
  • Abgetrennte Radwege, für die in manchen Fällen dem motorisierten Verkehr Straßenflächen entzogen und umgewandelt werden müssen, werden erforderlich sein, um potenzielle Radfahrer zu gewinnen und das vorhandene Gefahrenpotenzial im Straßenverkehr zu verringern.

Technische Planung (und organisatorische Entwicklung)

  • Der Stadtrat sollte einen gut geplanten interdisziplinären Lernprozess einführen.
  • Wenn Straßen oder Kreuzungen umgebaut werden, sollte darauf geachtet werden, dass sie auch von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden können.
  • Das Rad muss nicht neu erfunden werden: Bristol kann viel von anderen europäischen Städten lernen, in denen ähnliche Probleme bereits gelöst wurden.

Der Untersuchungsbericht der Kommission mit vollständigen Beschreibungen der Themen ist online verfügbar (öffnet pdf).

Challenges, opportunities and transferability 

Der Stadtrat hielt es für entscheidend, diese Schlüsselthemen in der Fahrradstrategie von Bristol zu berücksichtigen, die Ende 2014 abgeschlossen sein soll. Ein Plan für die Steigerung der Straßenverkehrssicherheit, weitere unterstützende Strategien und Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit für Radfahrer durch Reduzierung des Gefährdungspotenzials im Straßenverkehr würden parallel zu dieser Strategie umgesetzt. Dies muss ebenfalls noch abgeschlossen werden.

Die Tatsache, dass die Finanzierung durch die Zentralregierung noch am Anfang steht, stellt die Förderung des Radfahrens in Bristol vor ein Problem. Kontinuierliche Investitionen in die Radverkehrsinfrastruktur und Maßnahmen zur Veränderung der Einstellungen müssen über eine Generation hinweg fortgesetzt werden, um feste Gewohnheiten zu überwinden und der nächsten Generation die Möglichkeit zu bieten, dass ihnen gesündere Verkehrsmittel zur Verfügung stehen, aus denen sie leichter auswählen können.

In einer Stadt, in der das Auto über Generationen das dominierende Verkehrsmittel war, ist es schwierig, eingespielte Verhaltensmuster zu verändern. Zu einem gewissen Grad gilt dies auch für die Möglichkeiten und Verfahrensweisen des Stadtrats, bei denen das Auto als Verkehrsmittel bevorzugt wurde. Es war daher schwierig, das Radfahren weiter zu fördern

Mit der Auszeichnung als fahrradfreundliche Stadt (2008-2011) und kürzlich als Europäische Umwelthauptstadt 2015 wird wieder mehr Nachdruck auf die Radverkehrsförderung, wodurch manche Hindernisse überwunden werden konnten. Es kommt zudem auf eine starke politische Führung durch die Verantwortlichen und leitenden Beamten an. Die öffentliche Wahl eines Bürgermeisters 2012, der für eine stärkere Förderung des Radfahrens eintritt, trug besonders dazu bei, den Anteil des Fahrrads als Verkehrsmittel in Bristol zu erhöhen.

In Depth 
Contact: 
Region: 
Western Europe
Country: 
United Kingdom
City: 
Bristol
16 Sep 2014
28 Jan 2015
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